6. Februar 2023 | Nachlese "Sustainability for Architectural Heritage"

  Teilnehmende des Workshops vor dem Portal des Aachener Doms © AGes  

Sustainability for Architectural Heritage. Neue Perspektiven für die städtebauliche Denkmalpflege

Eine Nachlese von Yannick Ley

Im Rahmen des interdisziplinären Kooperationsprojekts "Sustainability for Architectural Heritage" (SAH) zwischen Universitäten aus Armenien, Griechenland, Italien, Iran und Deutschland fand – unter Beteiligung des Lehrstuhls für Architekturgeschichte – von Montag, dem 30. Januar bis Freitag, dem 3. Februar 2023 ein Workshop in Form einer Training Week zum Austausch über die universitäre Lehre im Bereich der baukulturellen sowie bauhistorischen Disziplinen statt.

Die internationale Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen wird durch das Capacity Building Erasmus+ Programm ermöglicht und bildet das erste Projekt im Hinblick auf städtebauliches und architektonisches Kulturerbe. Zielstellung ist dabei, einen Beitrag zur Aktualisierung sowie Verbesserung der Bildungsstandards im Bereich der städtebaulichen Denkmalpflege zu leisten, da eine Vernachlässigung dieser durch fehlendes Wissen im Bereich der Restaurierung und Konservierung in der Vergangenheit zum Verlust von bedeutendem Kulturerbe führte. Gegenwärtig sowie zukünftig sieht sich die städtebauliche Denkmalpflege insbesondere mit der Herausforderung des Klimawandels konfrontiert, deren Bewältigung einen hohen Bedarf an Expert*innen mit interdisziplinären Kompetenzen schafft.

Die fünf Tage der Training Week boten den 20 Teilnehmenden ein vielfältiges Programm aus Vorträgen, Workshops und Ausflügen, die jeweils einem spezifischen Tagesthema zugeordnet wurden. So stand der Montag unter dem Titel "Interdisciplinary Approaches to Historic (Urban) Landscapes" und widmete sich dementsprechend den interdisziplinären Herangehensweisen an historische (Stadt-)Landschaften. Am Vormittag eröffnete Juniorprofessorin Carola Neugebauer die Veranstaltung zunächst mit einem Grußwort an alle Teilnehmenden, die den Weg nach Aachen unternommen hatten. Dem folgte ein erster Vortrag von Yannick Ley, der die historiografische Herangehensweise der städtischen Analyse anhand des Projekts Futur[AHR] präsentierte und anschließend das Wort an Marie Enders übergab, die ethnografische Herangehensweisen im Hinblick auf die Quantifizierbarkeit von immateriellem Kulturerbe vorstellte. Am Nachmittag erhielten die Teilnehmenden einen Einblick in die Prinzipien und Arbeitsweisen der UNESCO, indem Professor Michael Kloos einen Beitrag zu ihrem World Heritage Management System und daraufhin Baharak Ashrafi die Werkzeuge des Heritage Impact Assessments anbot. Den Abschluss des Tages bildete ein Abendvortrag von Professorin Christa Reicher, die Einblicke in die laufende Transformation des rheinischen Braunkohlereviers und somit einen thematischen Impuls für den folgenden Workshoptag bot.

Am Dienstag stand der erste Ausflug für die Teilnehmenden auf dem Programm: Bereits am Morgen brach man gemeinsam auf den Weg ins Rheinische Braunkohlerevier zu den großen Tagebauten westlich von Aachen und fand die erste von mehreren Stationen im Schloss Paffendorf, dessen historische Mauern aus dem 16. Jahrhundert ein Informationszentrum zum Braunkohleabbau beherbergen. Im weiteren Verlauf besuchte die Gruppe verschiedene Standpunkte, die neben der Zusammenschau der Kraftwerke in der Landschaft insbesondere die tiefgreifende Transformation der Landschaft durch den Braunkohleabbau demonstrierten und durch Vorträge von Marie Enders und Juniorprofessorin Carola Neugebauer über die gegenwärtige und zukünftige Raumstrategie der Region ergänzt wurden. Das Ende des Ausflugs markierte der Besuch des sich im Transformationsprozess befindlichen Dorfs Manheim, dessen historischer Standort Manheim-alt zugunsten des Braunkohleabbaus aufgegeben und dessen Bewohner*innen zur Umsiedlung in die nahegelegene Neugründung Manheim-neu bewegt wurden. Nach dem eindrucksvollen Besuch der beiden Standorte schloss sich ein fruchtbarer Austausch der Teilnehmenden über identitätsstiftende und gewachsene Dorfstrukturen sowie deren Übertragbarkeit in eine Dorfneugründung an, bevor die Gruppe am Nachmittag wieder nach Aachen zurückkehrte.

Mit dem Titel "Digital and Classical Methods of Historic Building Research" stand der Mittwoch unter dem Motto der verschiedenen Methoden der bauhistorischen Forschung und deren Integration in die universitäre Lehre. Den Auftakt dazu bot Yannick Ley, der am Vormittag einen Workshop in der Bibliothek des Lehrstuhls für Architekturgeschichte zu den verschiedenen Werkzeugen des digitalen Bauaufmaßes sowie deren Vermittlung an Studierende im Rahmen von Lehrforschungsprojekten veranstaltete. Anschließend führte Tobias Glitsch die Teilnehmenden durch das Reiff-Museum und stellte dessen Baugeschichte sowie seine heutige Nutzung als Architekturfakultät vor. Georgios Toubekis gab im Rahmen seines darauffolgenden Vortrags einen vielseitigen Einblick in die digitale Dokumentation und Visualisierung von Kulturlandschaften, der das Programm des Vormittags abrundete. Am Nachmittag schlossen sich Vorträge von Professor Jakob Beetz zum Building Information Modelling (BIM) und dessen Vermittlung und Integration in die Lehre sowie von Professor Daniel Münderlein an, der digitale sowie klassische Methoden der Landschaftsforschung präsentierte.

Das Tagesprogramm des Donnerstags wurde vollständig dem Welterbe des Aachener Doms gewidmet. Den Auftakt dazu bildete ein Stadtrundgang, der von Bruno Schindler geleitet wurde und am Markt beginnend über Stationen am Münsterplatz, Elisenbrunnen und Theaterplatz abschließend über die Kleinmarschierstraße zum Domhof führte und eindrucksvolle Perspektiven auf die städtebauliche Dimension des Bauensembles bot. Daraufhin schloss sich ein Rundgang mit Vortrag in der Aachener Domschatzkammer durch deren Leiterin Birgitta Falk an, die einen Einblick in die vielen Elemente des bedeutsamsten Kirchenschatzes nördlich der Alpen bot. Am Nachmittag erkundete die Gruppe dann die vielen Seiten und Facetten des Bauwerks, zunächst durch eine Führung von Yannick Ley durch das Quadrum, den Kreuzgang des Doms, und anschließend durch eine Vorstellung des Domhofs sowie des Oktogons und der gotischen Chorhalle durch Bruno Schindler. Den Abschluss des Tages bildete eine sich anschließende Führung auf das Dach des Doms durch Dombaumeister Jan Richarz, der den Teilnehmenden neben einer beindruckenden Aussicht einen interessanten Einblick in die derzeitig laufenden und zukünftig geplanten Sicherungs- und Konservierungsarbeiten der Dombauhütte vorstellte.

Am Freitag kehrten die Teilnehmenden zurück ins Reiffmuseum zu einer Reihe von Vorträgen, die unter dem Titel "Approaches to Modern Urban Heritage" standen. Am Vormittag stellte Professorin Christa Reicher das im Rahmen des Kulturerbejahres 2018 realisierte Projekt "Big Beautiful Buildings" vor, das die Wiederentdeckung des baukulturellen Erbes der 1950er bis 1970er Jahre in den Fokus nahm. Daran schloss sich ein Vortrag von Juniorprofessorin Carola Neugebauer an, die am Beispiel von Großwohnsiedlungen der Moderne den Wandel und die Herausforderungen der städtebaulichen Denkmalpflege präsentierte. Am Nachmittag fand die Training Week ihren Abschluss mit zwei weiteren Themenvorträgen, in denen zunächst Vanessa Ziegler die derzeitigen Herausforderungen und Zukunftsperspektiven von Großwohnsiedlungen vorstellte und anschließend Juniorprofessorin Carola Neugebauer einen Einblick in das Kulturerbe der Moderne sowie die Erkundung des wissenschaftlichen Arbeitens mit Studierenden im Rahmen von universitären Lehrveranstaltungen bot.

Das Organisationsteam des Aachener Workshops im Rahmen des Kooperationsprojekts "Sustainability for Architectural Heritage" bedankt sich bei allen Teilnehmenden für den hoch interessanten Austausch und blickt mit großer Zuversicht in die gemeinsame Zukunft.

 
 

Weiterführende Informationen

https://arch.rwth-aachen.de/cms/architektur/die-fakultaet/Aktuell/Meldungen/~pjzhq

Kontakt

Yannick Ley, M. Sc. RWTH
Jun.-Prof. Dr.-Ing. Carola Neugebauer (Leiterin des Workshops, Juniorprofessur Sicherung kulturellen Erbes)
Marie Enders, M. Sc. RWTH (Lehrstuhl für Städtebau)