Casino at Marino in Dublin

  Das Casino at Marino in Dublin Urheberrecht: © Tim Scheuer  

The Inhabited Monument. Public Magnificence and Private Restraint at Sir William Chambers’ Casino at Marino in Dublin.

Die Rezeption antiker Architektur wandelte sich im 18. Jahrhundert auf grundlegende Weise. Das Interesse der Architekten galt nun seltener den vitruvianischen Begrifflichkeiten als vielmehr der räumlichen und emotionalen Erfahrung antiker Monumente vor Ort. Lord Charlemonts Casino at Marino in Dublin (ab 1757) ist ein frühes Beispiel für die architektonische Verarbeitung dieser Reiseeindrücke.

Nach seiner Grand Tour (1745-54) beauftragte Charlemont William Chambers mit dem Bau einer kleinen Villa, dem Casino. Der Entwurf ist eine Erinnerungscollage von Charlemonts Reisen: Neben der formalen Rezeption von antiker Kunst und Architektur, wurden Reiseeindrücke in architektonische Themen überführt, indem zum Beispiel mit einem inszenierten Ausblick die Bucht von Dublin zur klassischen Landschaft der campania felix bei Neapel umgedeutet wurde. Diese gebauten Kulturtransfers dokumentieren die identitätsstiftende Reise eines jungen Lords, der seine Bestimmung als europäisch agierender Förderer seines Heimatlandes fand.

So ist der Außenbau des Casino weniger als private Villa, denn als öffentliches Monument für Dublin zu verstehen: Zur Mitte des Jahrhunderts wurde für Europas Hauptstädte eine public magnificence gefordert, welche durch öffentliche, allansichtige Bauwerke erzeugt werden sollte. Dieses Verlangen nach urbanen Monumenten prägte auch William Chambers Zeichnungen, die er im Umfeld von französischen Romstipendiaten in Rom (1750-55) anfertigte. Die Entwürfe sollten die emotionale und sinnliche Wirkung der antiken Bauten nach London, Paris oder Dublin transportieren. Vor diesem Hintergrund ist das Casino nicht nur Resultat der Reise eines jungen Aristokraten, sondern ebenso Ausdruck des paneuropäischen Bedürfnisses nach öffentlicher Großartigkeit. Dies wird am Casino durch das Zitieren des Urtyps des urbanen Monuments verdeutlicht, welches Charlemont auf seinen Reisen wiederentdeckte – dem Mausoleum von Halikarnassos.

Mit dieser monografischen Arbeit zu einem der bedeutendsten Bauten Irlands wird nicht nur dessen Genese geklärt. Vielmehr bietet die objektorientierte Methode der historischen Bauforschung die Möglichkeit, übergeordnete kulturhistorische, theoretische und baukonstruktive Aspekte der europäischen Architektur der Spätaufklärung exemplarisch aufzuzeigen. Das Dissertationsprojekt wird im Frühjahr 2021 fertiggestellt.

 
 

Ansprechpartner

Felix Martin M. Sc.