SoSe 2022 | Das Flüchtlingslager Dheisheh

  Lara Shabani Urheberrecht: © Lara Shabani
 
 

Das Flüchtlingslager Dheisheh – Eine dauerhafte Vergänglichkeit in Bethlehem

Masterthesis von Lara Shabani

Flüchtlingslager werden im Idealfall schnell aufgelöst. Ob die Menschen nun wegen Krieg, Naturkatastrophen, Hunger oder Entrechtung fliehen, sie kehren in ihre Heimat zurück oder wandern weiter. In manchen Fällen müssen sie jedoch die neue Heimat als dauerhaft akzeptieren, wie im Fall des Flüchtlingslagers Dheisheh.

Das Lager Dheisheh wurde 1949 im Zuge der israelischen Besatzung auf einem steilen Hügel südlich von Bethlehem errichtet. Seine Entstehung diente der Unterbringung palästinensischer Familien, die aus 45 Dörfern in der Umgebung von Jerusalem und Hebron vertrieben worden waren. Aufgrund des langen Bestehens des Lagers leben dort inzwischen Flüchtlinge der dritten oder vierten Generation, allerdings immer noch mit „vorläufigem“ Flüchtlingsstatus.

Nachdem jede Familie nach ihren eigenen Bedürfnissen gebaut hatte, begann das Lager durch individuelle architektonische Elemente zu wachsen, sodass es allmählich Teil des Stadtgefüges wurde. Die städtischen Räume entwickelten sich ständig weiter, je nach kulturellem und historischem Hintergrund, sozioökonomischen Aktivitäten und demografischer Struktur. So ist eine spontan geschaffene Architektur entstanden, bei der die Nutzer*innen mit ihren Bauarbeiten auf das lokale Milieu reagieren.

Auf diese Weise hatte das Lager schnell ein vollkommen ungeordnetes Erscheinungsbild: Weil von Anfang an eine strukturierte und geordnete Stadtplanung fehlte, entstand über die Jahrzehnte ein räumliches Gefüge, das weder architektonisch noch städtebaulich durchdacht ist. Die Fläche des Lagers ist aufgrund staatlicher Vorschriften zur Beibehaltung des temporären Charakters zudem nicht mehr erweiterbar, sodass Dheisheh auch heute noch immer chaotischer wird – mit Provisorien auf der einen und der Einführung permanenter und fester Strukturen auf der anderen Seite. Immer noch wird alles rein spontan, nutzer- und zielorientiert entschieden – ein komplexer Urbanisierungsprozess, dessen Erforschung Aufgabe dieser Masterthesis war. Im Rahmen der Arbeit stand zunächst die ausführliche Erkundung und Analyse des Flüchtlingslagers im Vordergrund, sodass anschließend für eine verlassene und leerstehende Baustelle ein mögliches Entwicklungsszenario ausgearbeitet werden konnte. Die entstandene Studie basiert dabei auf einer Feldforschungs- und Entdeckungsmethode, bei der analytische Objekte und architektonische Elemente auf der Grundlage von Archivsammlungen, Bilddokumentationen, Stadtplänen und detaillierten Zeichnungen zur Standortanalyse in den Vordergrund treten.

Vor allem die vielgestaltige Verwendung von Materialien und Bauweisen spielt in Dheisheh eine wesentliche Rolle, sodass in der Untersuchung gewonnene Erkenntnisse in den Entwurfsvorschlag für das multifunktionale Gebäude mit eingeflossen sind. Beim beplanten Grundstück handelt es sich um ein stillgelegtes, 510 m2 großes Areal, das mit den üblichen Merkmalen des Lagers gekennzeichnet ist. Es befindet sich am Rande von Dheisheh, mit Blick über das gesamte Lager.

Basierend auf den Wünschen des Bewohners, die im Rahmen der Gespräche und Workshops vor Ort bzw. online entstanden sind, wurden im Gebäudeentwurf mehrere, im Lager bisher fehlende Aktivitäten vorschlaghaft untergebracht. Das Konzept ist dabei in zwei Bauabschnitten gedacht:

Die Grundstruktur besteht zunächst lediglich aus einem tragenden Skelett als optimierter Rohbau, denn zum regelmäßigen Grundgerüst aus Trägern und Stützen gehören auch eine Haupterschließungs- und eine Fluchttreppenanlage, technische Installationen sowie Sanitäranlagen. Darüber hinaus sorgt das Raster von vier Metern für Ordnung und minimiert das „Chaos“, das durch allfällige zukünftige Erweiterungen entstehen kann.

Da die anschließende Aneignung der Grundstruktur anhand von individuellen Selbstbauprojekten der Nutzer*innen erfolgen soll, werden beispielhaft drei verschiedene Typologien vorgeschlagen, die zukünftigen Bewohnenden einen Ausgangs- und Orientierungspunkt geben können. Diese zweite Phase der Arbeit kann je nach Bedarf durch Beratung begleitet werden.

 
 

Betreuung

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Anke Naujokat (Prüfung)
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Christian Raabe (Co-Prüfung)
Dr.-Ing. Tobias Glitsch
Felix Martin, M. Sc. RWTH