V | Scherpenheuvel

  Sanderusplan 1661 Lauwers © Public Domain  

Motive und Kontexte eines multimaßstäblichen Bauensembles im Zeitalter der Konfessionskriege

 

Der kurz nach 1600 von den spanischen Erzherzögen Albrecht und Isabella gegründete belgische Wallfahrtsort Scherpenheuvel wurzelt in einem Idealprojekt, das Städtebau, Gartenarchitektur, Architektur und bildliche Ausstattung zu einem Gesamtkunstwerk vereint. Ausgehend von diesem aktuellen Forschungsgegenstand des Lehrstuhls für Architekturgeschichte gibt die Vorlesung ein Panorama der Architektur um 1600, das nicht nur die südlichen Niederlande umfasst, sondern auch wirkmächtige Entwicklungen und Vorbilder in Italien und Spanien.

Der Fokus liegt auf einer Zeit, in der die katholischen Autoritäten in der Auseinandersetzung mit dem Protestantismus um Macht und Deutungshoheit ringen und in der die frühabsolutistischen Herrscher religiöse Kulte und Objekte vereinnahmen und im Rahmen sakraler Bauprogramme für die Festigung und Zentralisierung ihrer Herrschaft instrumentalisieren.

Die Katholische Reform löst – besonders nach Abschluss des Konzils von Trient im Jahr 1563 – Bestrebungen zur Sakralisierung von Stadt und Landschaft aus sowie auch eine Neuaufwertung der Reliquien- und Gnadenbildverehrung, die neue Entwicklungen in Sakralbau und Wallfahrtsarchitektur nach sich zieht. Vor dem Hintergrund der Glaubensauseinandersetzungen und der allgegenwärtigen Kriegserfahrung, die Landschaft, Stadt und Architektur um 1600 prägt, thematisiert die Vorlesung u. a. die Bedeutungsaufladung des Festungsbaus und zeigt die Verschmelzung der Konzepte von idealer Stadt und idealer Festung auf.

Ein Schwerpunkt der Vorlesung liegt darüber hinaus auf der Vermittlung eines Überblicks über Fragestellungen und Arbeitsweisen der architekturhistorischen Forschung. Insbesondere erhalten Sie einen Einblick in die Methoden und Erkenntnispotentiale der Historischen Bauforschung am gebauten Objekt.

 
 

Modul

Geschichte und Theorie 1b
M. Sc. | 2. Semester

Termine

Regeltermin: Mittwochs, 16:30 bis 18 Uhr, Otto-Fuchs-Hörsaal 1385|003

12. April 2023 | Scherpenheuvel I – Das sternförmige konzentrische Idealprojekt (1604-1617): Heilung und Neugeburt der Spanischen Niederlande unter dem Regentenpaar Albrecht und Isabella
19. April 2023 | Rom als katholische Welthauptstadt: Santa Maria Maggiore und die Neuordnung Roms unter Papst Sixtus V.
26. April 2023 | Die italienische Tradition zentralbauförmiger Marienwallfahrtsheiligtümer
10. Mai 2023 | Sammlung, Ausstrahlung, Dominanz: Die Bauform der Kuppel und ihr zentralisierender Gestus
17. Mai 2023 | Kriegsangst und Friedensutopie: Bedeutungsebenen im Festungsbau
24. Mai 2023 | Scherpenheuvel II – Fassade, Kuppel und Turm (ab 1618): Die Umdeutung des Wallfahrtsensembles zum Symbolbauwerk der Immaculata Religio und ihre Verteidigung durch die Habsburger
14. Juni 2023 | Katholische Ideal- und Universalarchitektur: Der Escorial Philipps II.
21. Juni 2023 | Fassade, Portikusaltar und Turm: Die Inszenierung des katholischen Triumphs in der Jesuitenkirche von Antwerpen
28. Juni 2023 | Scherpenheuvel III – Rosenkranzkorridor und Einsiedelei (ab 1624): Scherpenheuvel als Rückzugsort und private Devotionslandschaft Isabellas
5. Juli 2023 | Die Stationsbauwerke der Sacri Monti: Neue Formen der Reliquien- und Marienverehrung nach dem Tridentinum
12. Juli 2023 | Festigung von Herrschaft und Religion: Das profane und sakrale Bauprogramm der spanischen Erzherzöge Albrecht und Isabella in den südlichen Niederlanden

Vortragende

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Anke Naujokat