SoSe 2023 | venga cala figuera

  Perspektivische Ansicht der Platzfassade der "Sala Figuera" Urheberrecht: © Jonas Ueding
 
 

venga cala figuera – Pläne für ein vernachlässigtes Dorf an der Ostküste Mallorcas

Masterthesis von Jonas Ueding

Mallorca ist eine Insel der Extreme. Ihre Geschichte ist gleichsam geprägt von grausamen Eroberungen und Armut wie von großer Handelsmacht und Reichtum, ihr Naturraum bringt auf kleiner Fläche Hochgebirge, Sumpfgebiete und kilometerlange Sandstrände zusammen – während etwa 912.000 Einwohner*innen im Jahr 2022 gut 13,2 Millionen internationale Tourist*innen gegenüberstanden. Mallorca ist der Ballermann und S‘Arenal, ist Exzess und Menschenmassen. Mallorca sind aber auch Berg- und Fischereidörfer, ist Entschleunigung und Ruhe.

Cala Figuera, gelegen an der südöstlichen Steilküste der Insel, ist ein solches Fischereidorf. Die „Feigenbucht“, so die deutsche Übersetzung des Ortsnamens, hat sich bis heute in den Hafenarmen ihre pittoreske Ursprünglichkeit bewahrt. Dennoch löste auch hier der Massentourismus einen mehrere Jahrzehnte andauernden Boom aus, der eine starke Bautätigkeit oberhalb des Hafens zur Folge hatte. Zur Jahrtausendwende kam schleichend, aber unaufhaltsam der Niedergang: Nach und nach schlossen auf der Steilküste alle Clubs, die meisten Hotels und Restaurants. Zurück blieben für lange Zeit unbewohnte Häuser und Hotelruinen, die erst in den letzten Jahren größtenteils abgerissen wurden. Mehrere Grundstücke sind jüngst mit hochpreisigen Wohnkomplexen bebaut worden, an anderer Stelle gibt es aber weiterhin Leerstand und Brache – während der tiefer gelegene, denkmalgeschützte Naturhafen und die angeschlossene Flaniermeile mit Restaurants Tourist*innen anlocken wie eh und je.

Die große Diskrepanz zwischen der Idylle am Wasser und dem desolaten Zustand des höhergelegenen Ortsteils ist seit Jahren Bestandteil von Diskussionen und führt regelmäßig zu harten Aussagen wie „Cala Figuera ist eigentlich nicht mehr zu retten“. Das Ziel dieser Thesis ist es daher, aufzuzeigen, dass eine „Rettung“ eben doch möglich sein könnte: Als Inspiration dient dabei die Vielzahl der derzeit unbebauten bzw. gerade erst von Ruinen befreiten Grundstücke. Hier verhindert keine schon gebaute Realität, über Utopien frei nachzudenken – denn: der Platz dafür wäre aktuell vorhanden.

Der Entwurf soll Urbanität in einer neuen Ortsmitte Cala Figueras erschaffen, er soll Raum für Entfaltung der Einwohner*innenschaft geben und dazu beitragen, dass in Bezug auf das Verhältnis von Einheimischen und Tourist*innen weniger in Kategorien wie „wir“ und „die“ gedacht werden muss.

Sala Figuera
Als zentrales Entwurfselement ist der Veranstaltungssaal „Sala Figuera“ an einer neuen Plaza entstanden. Er ist der Dreh- und Angelpunkt des neuen Ortszentrums: Hier können nicht nur Nachbar*innen zusammenkommen, um gemeinsam zu kochen, zu essen oder zu arbeiten, hier sollen auch Konzerte und Lesungen, Kunst-Workshops oder Hochzeitsfeiern stattfinden.

Gekleidet in den regional allgegenwärtigen und ohne große Transportwege verfügbaren Kalkstein „piedra de Santanyí“ überwölbt der Bau ein großes, öffentliches Foyer mit angeschlossenem Patio im Erdgeschoss sowie einen Veranstaltungssaal im Obergeschoss, dessen Besucher*innen sowohl auf die Loggia zur Plaza als auch auf das Dach der um den Patio angeordneten Räumlichkeiten hinaustreten können.

Wohnen und Gastronomie
Als Gegenpol zur fast monumental anmutenden Fassade der Sala Figuera entsteht als westliche Begrenzung der Plaza ein Gebäude, das im Erdgeschoss öffentlich und in den Obergeschossen privater ist: Ein Restaurant und ein Café mit kleiner Backstube bilden den großzügig durchfensterten Sockel des Bauwerks, während im Obergeschoss in zurückversetzten Aufbauten vier kleine Wohnungen Platz finden und sich eine große, umlaufende Terrasse teilen.

Auch dieses Bauwerk kleidet sich in „piedra de Santanyí“, verzichtet aber bewusst auf Extravaganz und zitiert z. B. mit seinen traditionell gedeckten, traufständigen Satteldächern mallorquinische und auch örtliche Traditionen des Wohnhausbaus. Gleichzeitig sollen Elemente wie die das Rundbogenmotiv von Pergolen und Sala Figuera aufgreifenden Balkongeländer eine gewisse Leichtigkeit in die Rigidität des Entwurfes bringen und zeigen, dass dem historischen Beispiel nicht bis ins letzte Detail gefolgt werden muss.

 
 

Betreuung

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Anke Naujokat (Prüfung)
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Sabine Brück-Dürkop (Co-Prüfung)
Dipl.-Ing. Architektin Verena Hake